TIPP 11.07.2020: Über Bevölkerung…UN World Population Day

TIPP 11.07.2020: Über Bevölkerung…UN World Population Day

Heute feiern wir wieder mal uns selbst; diesmal im Gewand des Tags der Weltbevölkerung der Vereinten Nationen – oder im Original, dem UN World Population Day. Der Feiertag geht auf den 11. Juli 1987 zurück, an dem die Weltbevölkerung erstmals die Schwelle von 5 Milliarden Menschen überschritt. Aus heutiger Perspektive ist das eine niedliche Zahl. In den letzten 33 Jahren sind wir noch einmal um mehr als die Hälfte gewachsen und zählen heute stolze 7,76 Milliarden Menschen, die den Planeten Erde ihr Zuhause nennen.

7,76 Milliarden Menschen. Aber was bedeutet das eigentlich für uns, unsere Mitmenschen in anderen Teilen der Erde und unseren Planeten als Ganzes? Viele Menschen versetzen solche Zahlen in Panik; Stichwort Überbevölkerung. Geburtenkontrollen rufen die einen, vor Hunger, Krankheit und Umweltverschmutzung warnen die anderen. Aber müssen wir wirklich weniger werden um als Spezies zu überleben? Und wie macht man das eigentlich, „weniger werden“? Bei der Schreberjugend haben wir uns mit der Thematik deshalb mal ein bisschen tiefer auseinandergesetzt.

Achtung, zum Einstieg ein kurzer Exkurs in die Mathematik: Damit eine Bevölkerung weder wächst noch schrumpft, muss theoretisch jeder Mensch zwei Kinder zeugen; eines um sich selbst zu ersetzen, und eines um seine*n Partner*in zu ersetzen(*). In der Praxis sieht das natürlich ganz anders aus und ist viel komplizierter. Die einen bekommen beispielsweise vier Kinder, die anderen gar keine. Aber das führt jetzt zu weit…

Um nun zu verstehen, wie wir weniger Menschen werden können, lohnt sich ein Blick in unsere Vergangenheit. Schließlich war die Zahl der Menschen über Jahrhunderte hinweg relativ stabil, bzw. ist nur unwesentlich gewachsen. Außerdem beobachten wir heute auch, dass die Bevölkerung in einigen Teilen der Erde rasant wächst, während sie in anderen Teilen der Erde stagniert oder sogar schrumpft.

Weltbevölkerung 2018; so sähe die Welt aus, wenn sich die Landmasse eines Staates an der Anzahl der Staatsbürger*innen orientieren würde.

Auch in Deutschland gab es eine Zeit lang ein großes Bevölkerungswachstum. Das kann man übrigens in der eigenen Großelterngeneration noch wunderschön beobachten. Unsere Urgroßeltern haben also scheinbar sehr viele Kinder bekommen; niemand hat ihnen oder ihren Kindern damals gesagt, dass das schlecht ist. Also müssten unsere Großeltern ebenfalls ganz viele Kinder bekommen haben, unsere Eltern auch und das sind dann echt viele Großonkel & -tanten, Onkel & Tanten, Cousins und Cousinen und Geschwister…Moment mal, aber wo sind die denn alle?! Ja genau, die gibt es nicht, weil Menschen, man glaubt es kaum, ihr Verhalten ändern können. Dass das Wachstum der Bevölkerung immer unentwegt voranschreitet, ist ein malthusianischer Trugschluss.

Malthusi-was?!

Tomas Robert Malthus war ein einflussreicher Wirtschaftswissenschaftler, der von 1766 – 1834 in Großbritannien lebte. In seinen meistbeachteten Forschungen beschäftigte er sich mit der Frage, wie sich die Weltbevölkerung auch in Zukunft mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten versorgen lässt. Er kam zu dem Schluss, dass nur die Rückkehr zu einer Selbstversorgungswirtschaft und eine drastische Reduktion der Bevölkerung durch sexuelle Enthaltsamkeit eine globale Katastrophe mit Armut, Hunger und Krankheit verhindern könne. Die Ergebnisse seiner Forschung gelten heute zum Großteil als widerlegt.

Vor allem in schlechten Zeiten mit ungewisser Zukunft bekommen Menschen besonders viele Kinder; so ist gewährleistet, dass am Ende wenigstens ein paar von ihnen überleben und sich um die vergreisten Eltern kümmern können. Meist sind das im Durchschnitt zwei Kinder, sodass die Bevölkerung auch bei Geburtenraten von mehr als 10 Kindern pro Frau stabil bleibt (siehe oben, Mathematik). Wenn es den Menschen aber wieder besser geht und die Überlebenschancen der Kinder steigen, bekommen die Menschen auch wieder weniger Kinder. Heute muss man in Deutschland theoretisch gar keine Kinder mehr bekommen, damit man im Alter nicht verhungert. Die Rentenkasse kümmert sich, aber das ist eine andere Geschichte…

Es gibt jedoch immer auch eine Phase, in der die Menschen zwar noch viele Kinder bekommen, weil sie sich um die Zukunft sorgen, aber eben auch viele Kinder überleben, weil die Zukunft doch besser ist als befürchtet (siehe oben, Großeltern). Das liegt dann meistens daran, dass die Gesundheits- & Nahrungsmittelversorgung besser wird, die Menschen in besseren Häusern leben und weniger bewaffnete Konflikte existieren. Diese Phase nennt man demograpischen Übergang und sie ist geprägt von einem sehr hohen Bevölkerungswachstum. In der bisherigen Menschheitsgeschichte folgt auf solche Phasen immer eine Korrektur der Geburtenraten, aber eben um mindestens eine Generation verzögert. Aktuell geht man übrigens davon aus, dass die globale Bevölkerung in diesem Jahrhundert mit 11 Milliarden Menschen ihr Maximum erreichen und in der Folge wieder schrumpfen wird.

Wir können also erstmal festhalten: Bevölkerungswachstum ist etwas wunderbares, weil es in erster Linie bedeutet, dass es vielen Menschen besser geht, als sie befürchtet hatten!

Ressourcenverbrauch 2019; so sähe die Welt aus, wenn sich die Landmasse eines Staates am Ressourcenverbrauch der Staatsbürger*innen orientieren würde.

Bleibt das Problem der begrenzten Ressourcen, oder? Auch hier ist Herr Malthus von einer falschen Grundannahme ausgegangen. Bestimmte Ressourcen, wie beispielsweise Ackerfläche, sind vielleicht begrenzt; das heißt aber noch lange nicht, dass die Anzahl der Kartoffeln auf dem Acker gleich bleiben muss. Durch Effizienzsteigerungen ist die Menschheit bis heute in der Lage, mehr als genügend Lebensmittel zu ihrer Versorgung herzustellen. Im 19. Jahrhundert hat ein Bauer zum Beispiel noch 4 Menschen mit Nahrungsmitteln versorgt, heute sind es bereits 129 Menschen; und während in Deutschland jeder Mensch im Jahr 84 Kg Lebensmittel einfach auf den Müll schmeißt, leiden andernorts auf unserem Planeten Menschen Hunger.

Wir können demnach außerdem festhalten: Das Problem der Ressourcen ist ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit und kein Problem der Produktion.

Ist also alles super und wir können uns entspannt zurücklehnen? Mit Sicherheit nicht. Gerade hier in Deutschland, wie auch im gesamten Rest des globalen Nordens, müssen wir uns überlegen, wie wir mit dem noch zu erwartenden Wachstum umgehen. Das Wachstum mag uns zwar nicht direkt betreffen, dessen Folgen tun es aber sehr wohl. Immer mehr Menschen auf der Welt wünschen sich – zurecht – ein ähnlich luxuriöses Leben wie wir es haben. Immer mehr Menschen verschmutzen dabei die Umwelt und nehmen eine Umwelt- & Klimakrise unbeschreiblichen Ausmaßes in Kauf; wir selbst haben es ja vorgelebt. Um diese Entwicklung umzukehren, können wir nicht die Menschen in Afrika bitten, weniger Kinder zu bekommen. Wir können auch keine indische Mutter bitten, ihren Kindern doch kein Spielzeug zu kaufen um Müll zu vermeiden. Wir müssen gemeinsam mit unseren Brüdern und Schwestern auf der ganzen Welt nach solidarischen Lösungen suchen, die für alle tragbar sind. Das bedeutet in erster Linie, dass wir im globalen Norden unseren Ressourcenverbrauch erheblich reduzieren müssen, damit woanders auf der Welt Menschen ressourcenschonend einen vergleichbaren Lebensstandard erreichen können. Andernfalls ließe sich nämlich traurigerweise nur feststellen, dass eigentlich wir es sind, die auf diesem Planeten „zuviel“ sind.

* Anmerkung: Bei der Schreberjugend schätzen wir jede Form von sexueller Identität und sehen daher auch die unterschiedlichsten Formen von Paarbeziehungen als bereichernd aber vor allem Dingen als gesellschaftliche Realität an. Wenn in diesem Artikel im Kontext von Fortpflanzung von Paarbeziehungen geredet wird, so liegt dem kein heteronormatives Weltbild zugrunde, sondern eine Vereinfachung im Sinne der Anschaulichkeit.

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